Tanztheaterübung und Comic

Von: Katja Batzler

Die 8. Klasse einer Förderschule in Osthofen verarbeitet ihre Eindrücke aus dem Geschichtsunterricht zur "Reichspogromnacht".

Die Erinnerung an die Reichskristallnacht als Comic? 12 Förderschüler/innen der Wonnegauschule Osthofen nahmen am 7.11.14 an einem Mini-Projekt von medien+bildung.com aus der Projektreihe „Blaudes – Tanzen und Filmen gegen Rassismus“ teil und stellten Bezüge zu ihrer Lebenswelt her.
 
Mit ganzheitlichen Methoden der Medienpädagogin Katja Batzler verarbeiteten die 8-Klässler ihre Eindrücke vom Geschichtsunterricht zur Pogromnacht und visualisierten diese mit einer Comic-App auf dem Tablet. In vier Zeitstunden am Freitagvormittag schafften es die Jugendlichen, sich ihrer persönlichen Einstellung zu Ausgrenzung bewusst zu werden und dies in entsprechende Bilder umzusetzen. Weiterhin zeigte die digitale und kreative Auseinandersetzung der Klassenlehrerin Maike Knoth, wie viele und welche geschichtlichen Fakten bei ihren Schützlingen „hängen“ geblieben waren. Die fertigen Comics wurden ausgedruckt, laminiert und konnten am folgenden Montag der Landtagsabgeordneten Kathrin Anklam-Trapp im Zusammenhang der Schulausstellung zur Reichskristallnacht präsentiert werden. Eine gelungene Klassenarbeit zum Vorzeigen und Gedenken anläßlich des politischen Besuchs, so Rektorin Waltraud Fahl. DasMedienprojekt frischt die langjährige Kooperation mit medien+bildung.com wieder auf und wird weitere Projektvorhaben initiieren: Ein mehrtägiges Tanzfilmprojekt und eine berufsvorbereitende Maßnahme mit Medien sind angedacht.
 
Zu Beginn führte Batzler mit ihrer Praktikantin Josephine Lang die Klasse kurz in den Umgang mit dem iPad und der Comic App „Comic Book“ ein. Schon die ersten freien Entwürfe zeigten die vorhandene Medienkompetenz der „digital natives“ auf. In Peer-to-Peer Moderationen wurden noch Tricks zur Comic-Gestaltung ausgetauscht, dann ging es an den inhaltlichen Transfer der geschichtlichen Fakten in die Lebenswelt der Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt Lernen, die Ausgrenzung oft aufgrund ihrer Schulbildung kennen. Zunächst sollten sie sich zu Statements „stumm“ bekennen und aufstehen, die auf sie zutreffen wie z. B. „Hast du schon jemanden ausgegrenzt wegen eines bestimmten Kleidungsstils, besonderen Musikgeschmacks“ oder „kennst du den Satz – Das schaffst du eh nicht“. Jede/r war schon einmal Täter oder Opfer, wenn es um Diskriminierung geht. Rassismus fängt mit Auslachen und Mobbing an und endet gewaltsam? Dieser stille Impuls wurde daraufhin in Tanztheaterübungen nonverbal vertieft. Die ganze Gruppe sollte sich auf emotionsbesetzte Musik bewegen und bei Musikstopp eine bestimmte Pose einnehmen als Gruppe, einzeln oder zu zweit: Täter, Opfer, einer unterdrückt den anderen, du fühlst dich als Superstar, ihr seid eine starke Truppe… Mit diesen erlebnispädagogischen Übungen aus dem Methodenschatz der Blaudes-Projektreihe kamen die jungen Menschen näher zu sich und mit der darstellenden Körperarbeit entstanden schon erste Ideen für spätere Fotos ihrer Vorstellung von Ausgrenzung. Auftrag für den zu erstellen Comic war, drei Fotos zum Thema „Meine Reichskristallnacht“ zu machen: Ein Portrait, das für die Schüler/innen eindrucksvollste Bild von der Pogromnacht und ein Foto „was ist Ausgrenzung für mich“, das sie mit Textfeldern oder Sprechblasen noch ergänzen konnten. Die Ergebnisse zeigen deutlich die persönlichen und reflektierten Bezüge zum Rassismus in der NS-Zeit und sind Zeuge von moderner Gedenkarbeit.

Blaudes – Farbe bekennen für Toleranz und gegen Rassismus: Das Miniprojekt könnte der Auftakt für weitere „Blaudes-Geschichten“ sein. „Blaudes“ heißt in der Sprache der Sinti&Roma „blau“ und erinnert an das blaue Kleid der in Ausschwitz ermordeten deutschen Sintezza Margarete Herzstein. Am Beispiel der Ausgrenzung von Sinti und Roma steht bei „Blaudes“ die Geschichte dieser jungen Frau symbolisch für moderne Jugendgedenkarbeit. Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und rassistische Strukturen heute zu erkennen, gelingt sehr gut, sobald sich junge Menschen identifizieren können, sich wieder erkennen mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen, selbst inszeniert und selbstwirksam produziert: Ein Comic kann ein Anfang sein oder wird noch mehr …. Blaudes ist mehr als eine Farbe!