Wir machen blau

Von: Katja Batzler

Ein Musikvideo gegen Rassismus von und für Schüler/innen der Berufsfachschule an der BBS Neustadt/Weinstraße

Der Titel enthält zwei Botschaften: Die junge Erwachsene nach Hauptschule ohne Ausbildung stehen unter dem Vorurteil, schwierig zu sein, schwer zu motivieren und wenig Engagement zu zeigen. Wiederum nutzen viele ihre Chancen in dieser Schulform und können im Blaudes-Projekt Farbe bekennen gegen Vorurteile und Ausgrenzung.

Blaudes on Tour – Tanzfilmprojekte gegen Ausgrenzung und für Zivilcourage ist eine Projektreihe der medien+bildung.com gGmbH unter der Schirmherrschaft des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz. Blaudes steht für Jugendkulturarbeit: Am Beispiel der Ausgrenzung von Sinti und Roma wird kreativ mit Medien gegen Rassismus gearbeitet. Die TanzMedia Projekte "Blaudes on Tour" wollen ohne Worte, allein durch Bewegung, durch Körperausdruck den Themenkomplex „Diskriminierung, Vorurteile, Überwachung, Meinungsfreiheit, Zivilcourage und Inklusion“ für Jugendliche erlebbar machen. Das Ergebnis ist ein Video oder eine Performance, Dokumente eines Prozesses, der mit Jugendlichen in Bewegung gekommen ist und durch die Projektarbeit nachhaltig in Bewegung bleiben soll. Kulturelle Medienbildung mit Videotanz initiiert moderne Gedenkarbeit.

In der BBS Neustadt wurde die Metallwerkstatt als Filmort ausgesucht - Blaudes in der Werkstatt – Jugendliche aus der Klasse BF 1 fegen den Staub der Vergangenheit weg und schrauben an Ihrer Zukunft. Wie geht das? Ein selbstkritischer Bericht über das Blaudes Projekt 07.03.2014:

Moderne Gedenkarbeit mit Jugendlichen, die laut ihrem Lehrer Rainhard Weber „nicht lernnormierbar“ sind, ist ein hehres Ziel. Schwierige Lebensumstände und frustrierende Schulerfahrungen hindern diese junge Menschen daran, sich offen und tolerant gegenüber Neuem und Fremdartigen zu zeigen. Groß ist die Angst, sich zu blamieren und von den Mitschüler/innen an den „Pranger“ gestellt zu werden. Videotanz ist noch immer eine neue Kunstform und TanzMedia als die pädagogische Umsetzungsform für Kinder und Jugendliche nach wie vor ein medienpädagogisches Novum. Jugendliche erarbeiten in Tanz- und Videoeinheiten, welche Gefühle und Erfahrungen sie in der Begegnung mit anderen Kulturen sowie bei der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen und Quellen erleben und übersetzen diese in ihre eigene Bild- und Körpersprache.

Die Mitwirkenden waren äußerst kritisch gegenüber den einführenden tanzpädagogischen Übungen und ein Schüler verließ den Raum, andere wiederum nutzten den Rahmen sich zu profilieren. Mit dieser Scheu und ambivalenten Einstellung hatte das Blaudes-Team aus Medienpädagogin Katja Batzler von medien+bildung.com und Tanzpädagogin Nadja Winterstein gerechnet. „Abholen wo sie stehen“ ist immer die Devise im TanzMedia-Ansatz und die Fähigkeiten, Gedanken und Gefühle der Beteiligten sind Ausgangsort und Bezugspunkt für die Lernprozesse, Methoden und spätere Gestaltung der Medienprodukte. Für die BF 1 Klasse haben die Pädagoginnen eine Art „Rhythmik“ Video konzipiert. Der körperliche Experimentierraum war auf Geräusche machen in der Metallwerkstatt und einen vorteilhaften Auftritt im Bild beschränkt bzw. vorstrukturiert, um eine Überforderung zu vermeiden. Der inhaltliche Bezug zum Rassismus-Thema wurde bedarfsorientiert an die Erfahrungen von Vorurteilen und Ausgrenzung innerhalb von Klassengemeinschaften „runter gebrochen“. Der eigenen Wahrnehmung nicht trauen, weil der Druck der Gemeinschaft herrscht, sich anpassen oder trauen individuell zu sein, nicht vorschnell ein Urteil bilden und ein eigenes Urteil bilden – Das sind die relevanten Aspekte aus der Lebenswelt dieser Teilnehmenden.

Die Schüler bekamen Screenshots von den Künstlern der Gruppe „Stomp“ gezeigt – ohne ihnen die Identitäten zu verraten – diskriminierende Zuschreibungen kamen sofort wie z.B. „sehen aus wie Drogendealer, das sind doch Assis…“ Ohne weitere Bewertung und Kommentare sahen die jungen Männer dann im Video, welch fantastische Performance die „Vorverurteilten“ zeigten. Die internationale Künstlergruppe STOMP arbeitet mit Bodypercussion, Rhythmik- und Tanzelementen mit Alltagsgegenständen wie Besen oder Mülltonnen in einer bewusst ghettoähnlichen Inszenierung.
Die Reaktion war stilles Schweigen, beeindruckende Pfiffe und der ehrgeizige Slogan: „Das machen wir noch besser!“

„Manchmal sieht man jemandem nicht an, was in ihm steckt“ war damit das gewählte Arbeitsmotto für die künstlerische Umsetzung der eigenen „Stomp“-Fassung. Konzentration, Teamgeist und Durchhaltevermögen an einem Freitagnachmittag zu zeigen, fiel dann doch einigen sehr schwer. Fünf junge Männer blieben übrig und zeigten was in ihnen steckte: Mut, Ausdauer, Ideen und sich gegenseitig zu stärken. Das entstandene Video verdient den Respekt der Referentinnen und des Lehrers. Die Produktion war für alle Beteiligten sehr anstrengend, doch die nachhaltigen Effekte sind jede Mühe wert: Die Abschlussreflexion im Folgeunterricht zeigt, wie sehr dieser Tag in den Köpfen und Herzen der Schüler arbeitet: „Ich gehörte nicht dazu, weil... ...weil ich mich nicht aufziehen lasse und nicht auf das höre was andere sagen, wenn ich selbst nicht davon überzeugt bin…....ich meine Klasse im Stich gelassen habe. Ich gehörte dazu, weil …...ich etwas zu dem Thema beigetragen habe und ich mich in der Gemeinschaft meist gut verständigen kann.“ Klassenlehrer Weber plant eine Klassenfahrt in die Turenne-Kaserne in Neustadt und wird im Unterricht weiter die Themen Rassismus und Gedenkarbeit bearbeiten. Eine Präsentation des Musikvideos an der Schule ist in Planung oder gar eine Aufführung im Rahmen der Jahresgedenkfeier für Geschichtswerkstatt und Gedenkstätte Turenne - Kaserne ("Wildes Konzentrationslager" im Jahr 1933). Ein großer Dank gebührt dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz, der dieses Projekt finanzierte und Werkstattleiter Dietz, der seine „grüne“ Werkstatt zur Verfügung stellte als Sinnbild für Individualität in einer Welt voller Normen.