Druckwerk Orange: Fragebogen

Fragen an ausgezeichnete Dieter Baacke Preis - Projekte

Name des Projektes
Druckwerk Orange

Name des/der Interviewpartners/Interviewpartnerin und Kurzbiografie
Steffen Griesinger

Ausbildung zum Elektroniker, danach Studium der Sozialen Arbeit an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg. Während des Studiums Tätigkeit als studentische Hilfskraft und später Honorarkraft im Wissenschaftlichen Institut des Jugendhilfswerks Freiburg (WI-JHW) in den Projekten Jugend&Rundfunk und Ohrenspitzer. Leitung und Aufbau der Hörspielredaktion und der offenen Hörspielgruppe Ü18 in Freiburg. Seit 2007 Medienpädagoge im Bereich Ganztagsschule bei medienundbildung.com. Seit 2009 Projektleiter für das Projekt „edura“ (Schulradioplattform in Rheinland-Pfalz). Lehrauftrag für ein Hörspielseminar an der KFH Freiburg seit 2007. Seit 2009 Lehrauftrag für ein Radioseminar an der Universität Landau.

Thema
Bullying/Mobbing und verbale Gewalt

Zielgruppe/n
Die am Projekt beteiligten Jugendlichen waren Schüler/innen der neunten Klasse einer Regionalen Gesamtschule.
Die Zielgruppe der Audio-Installation sind Lehrer, Eltern und Schüler/innen ab der 6. Klasse.

Methoden
Auf der technischen Ebene waren die Methoden vor allem durch die Möglichkeiten der Surround-Technik des Klangdoms geprägt. Viele der angewandten Methoden zielten darauf ab, ein Verständnis für die Raumklangtechnologie und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten der Mediengestaltung zu vermitteln.
Auf der inhaltlichen Ebene kamen viele Methoden der Theaterpädagogik zum Einsatz, um einerseits die Texte für die Installation zu erarbeiten und andererseits mit den Schüler/innen an einer ausdrucksstarken und authentischen Sprachgestaltung zu feilen.

Ergebnisse
Das Ergebnis ist eine 20minütige Audio-Installation, in der die Zuhörer mit verschiedenen Facetten verbaler Gewalt konfrontiert werden. Die Installation ist im Original nur im Klangdom des ZKM in Karlsruhe zu hören. Eine Kunstkopf-Aufnahme, die einen guten Eindruck der Installation vermittelt, kann über www.medien-bilden.de herunter geladen werden.

Herausragendes und Spezielles
Die Besonderheiten des Projekts lagen zum Einen in der sehr speziellen Technik, die eine ganz neue Darstellungsmöglichkeit bot, sowie zum Anderen im besonderen Umgang mit der Thematik Bulling und verbaler Gewalt. Wir wollten keine einfachen Lösungen und Handlungsansätze abbilden, die mit ein paar Beispielen aus dem Alltag illustriert werden, nach dem Motto: „Stopp, so nicht! Versucht es doch mal so!“ Stattdessen sollten die Zuhörer/innen direkt mit alltäglicher verbal vermittelter Gewalt konfrontiert werden, sich in die Opfersituation hineinversetzen und zum Nachdenken und Diskutieren angeregt werden. Ganz bewusst sollte es dabei nicht um Kraftausdrücke und derbe Beschimpfungen gehen. Wir wollten zeigen, wie einfache Schmähungen, Herabsetzungen und Lästereien wirken, wenn sie gehäuft auftreten. Die Raumklangtechnologie des ZKM in Karlsruhe bot hierzu die idealen Voraussetzungen. Mit ihr war es möglich eine virtuelle Masse zu erzeugen. Die Aussagen konnten auf die Zuhörer einprasseln oder sich um sie herumdrehen - genau so wie es oft beim Lästern der Fall ist, wenn man das Gefühl hat, dass um einen herum überall über einen geredet wird.

Probleme und Grenzen
Aufgrund der besonderen Technik starteten wir mit unserem Projekt im „luftleeren Raum“. Es war das erste Mal, dass die Raumklangtechnologie des ZKM I Institut für Musik und Akustik für ein Sprach-Projekt verwendet wurde. Die bisherigen Arbeiten des ZKM mit dieser Technik waren allesamt Musikproduktionen, daher war es zunächst einmal sehr schwierig den Teilnehmern/innen überhaupt eine Vorstellung von dem zu vermitteln, was am Ende entstehen konnte. Aus diesem Grund haben wir sehr viel mit kleinen Übungen und Experimenten gearbeitet.

Technik
Die technischen Gegebenheiten, die das ZKM I Institut für Musik und Akustik bietet, stehen in keinem Verhältnis zu dem, was in der „normalen“ medienpädagogischen Praxis vorhanden ist. Jedoch lassen sich Projekte mit Surroundtechnik auch mit deutlich geringerem technischen Aufwand realisieren. Prinzipiell benötigt man „nur“ 5 bis 8 aktive Lautsprecher, ein Audiointerface mit einer entsprechenden Anzahl an Kanälen und eine Multitracksoftware, bei der man jeder Spur einen extra Ausgang des Audiointerface zuweisen kann. Damit lassen sich Klanginstallationen oder Hörspiele in Surroundtechnik ganz einfach realisieren. Auch für die Teilnehmer/innen ist es einfach damit zu arbeiten, denn ein Geräusch, das aus einer bestimmten Richtung kommen soll, wird einfach auf die entsprechende Spur gelegt.

Tipps für die Praxis
Nicht nur die Erfahrungen im Projekt „Druckwerk Orange“ haben gezeigt, dass Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene wenig mit Begriffen wie „Stereo“ oder „Surround“ anfangen können. Diese gelten zwar als eine Art „Qualitätsmerkmal“ für Hifi-Anlagen, über ihre Bedeutung für die Konstruktion medialer Wirklichkeiten sind sich aber die wenigsten bewusst. Welche Bedeutung bereits der Stereoeffekt hat, lässt sich am einfachsten mit einem Kopfhörer und der Aufnahme eines vorbeifahrenden Fahrzeugs aus dem Geräuschearchiv demonstrieren. Auch die etwas in Vergessenheit geratene Technik der Kunstkopfaufnahmen ist äußerst spannend. Einige interessante Aufnahmen findet man kostenlos im Internet.

Motivation
Einen wesentlichen Motivationsschub bekam das Projekt, als die Gruppe aus der Schule hinaus in das Studio des ZKM ging, um hier konzentriert zu arbeiten. Die Atmosphäre der Produktionsräume weit ab vom Alltäglichen beflügelte die Schüler/innen nachhaltig und wurde von allen als DAS Erlebnis hervorgehoben. Drei Tage arbeiteten die Schüler/innen in einer Konzentration und Eigenständigkeit, wie man es zuvor in den Schulräumen nicht zu hoffen gewagt hätte.

Nachhaltigkeit und Wirkung des Projekts
Die Nachhaltigkeit solcher Projekte ist immer schwer zu ermessen, gerade wenn man thematisch an einem Alltagsproblem arbeitet, hat man schnell das Gefühl, dass die Wirkung der inhaltlichen Auseinandersetzung verpufft und gewohnte Verhaltensmuster nach kurzer Zeit wieder auftreten. Auf den ARD-Hörspieltagen konnten knapp 500 Schüler/innen die Installation anhören. Bei jeder Vorführung  war es zu Beginn sehr unruhig, aber man merkte förmlich, wie die Jugendlichen anfingen, das Ganze auf sich wirken zu lassen. Nach den Vorführungen gab es immer rege Diskussionen, die teilweise noch auf den Gängen fortgesetzt wurden.

Themen
Beim Thema Bullying/Mobbing und verbale Gewalt sind die Schüler/innen sofort eingestiegen. Bereits die ersten Gesprächsrunden zeigten, dass dies eines der Top-Themen ist, welches Jugendliche bewegt. Erstaunlicherweise zeigte sich allerdings auch, dass die Schüler/innen „nur“ die verbale Gewalt unter Jugendlichen thematisierten. Verbale Gewalt, die von Erwachsenen ausgeht, beispielsweise von Eltern oder Lehrern, war für die Jugendlichen kaum ein Thema. So blieb das Projekt inhaltlich auf sprachliche Gewalt auf dem Schulhof bzw. im Freizeitbereich innerhalb der eigenen Peergroup begrenzt.

Trends und Interessen der Zielgruppe
Auf der inhaltlichen Ebene haben wir versucht auch online zu arbeiten, was von den Jugendlichen sehr gut angenommen wurde. Die Texte konnten so auch außerhalb des Unterrichts zusammengetragen werden. Außerdem war es auf diese Weise auch möglich, sich außerhalb des Schulgebäudes über den aktuellen Stand des Projekts auszutauschen, was gerade im Hinblick auf externe Partner von großem Vorteil ist. Ingesamt bekräftigte es den Trend, zukünftig Lehr-Lernplattformen in die Projektarbeit mit einzubeziehen und Projektgruppen auf diese Weise zu vernetzen.

Perspektiven
Die Arbeit am Projekt zeigte ein weiteres Mal, dass auditive Medien im Bereich der Medienpädagogik durchaus ihre Bedeutung haben. Wenn wir über Medien sprechen, reden wir meist über die Wirkung von (visuellen) Bildern. Dabei ist es schwieriger, die Ohren zu schließen als die Augen. Wenn wir uns zum Beispiel das mediale Erlebnis eines Hollywood-Actionfilms im Kino vorstellen, so beruht seine Wirkung auf dem komplexen Zusammenspiel von visuellen und auditiven Reizen. Daher legen wir bei medien+bildung.com den Fokus nicht nur auf visuelle Medien und deren Gestaltung sondern setzen auch auf eher „klassische“ Medien wie Hörspiel und Radio. Denn trotz oder gerade wegen der Reduzierung auf eine Wahrnehmungsebene lässt sich hier die Konstruktion medialer „Wirklichkeit“ gut nachvollziehen und selbst gestalten.

Struktur und Rahmen
Ein Projekt wie das „Druckwerk Orange“ wäre ohne starke Partner nicht denkbar. Gerade den Schulen fehlt es an den finanziellen Voraussetzungen um Medienprojekte umsetzen zu können, die sich an aktuellen technischen Entwicklungen und den wachsenden Qualitätsansprüchen des digitalen Zeitalters orientieren. Eine Chance liegt hier in der Stärkung externer Partner, indem man z.B. zentrale Experten-Institutionen wie Theater, Studios etc. fördert, damit diese durch einen Ausbau der pädagogischen Abteilungen ihre Tore für Projekte von außen öffnen können, oder auch indem man dezentrale Organisationen stärkt, die mit gut ausgestatteten Medienpädagogen die Schulen vor Ort unterstützen können.

August 2009