Die Stolpersteine-Tour - ein LuView-Projekt

Wer kennt sie nicht: Die messingfarbenen Schilder, die in den Asphalt und das Straßenpflaster unserer Gemeinden eingelassen sind? Stolpersteine heißen die kleinen Quader, die uns mit einer Kantelänge von gerademal 96×96 Millimeter, immer wieder an das unfassbare  Unrecht erinnern, welches in den Zeiten des NS-Regimes millionenfach begangen wurde. Der Künstler Gunter Demnig hat die Kunstaktion 1995 ins Leben gerufen. Weit über 45.000 solcher Steine wurden seitdem durch die Initiative von Bürgerinnen und  Bürgern gesetzt. Sie engagieren sich damit für das Erinnern und setzen ein Zeichen gegen Hass, Gewalt und Diskriminierung. Auch in Ludwigshafen wurde Dank des Arbeitskreises “Ludwigshafen setzt Stolpersteine” bereits mehr als 160 Stolpersteine verlegt.

Im Projekt “Stolpersteine – der andere Blick auf Ludwigshafen” setzen sich 8 Schüler/innen des Pfalz-Kollegs mit den Steinen auseinander. Anhand von sechs exemplarischen Geschichten ermöglichen sie einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen, die aus Ludwisghafen verschleppt, misshandelt und einigen Fällen getötet wurden. Das Team der jungen Erwachsenen setzt bei ihrer LUView-Tour auf Augmented Reality, sprich der Erweiterung der Realität durch digitale Informationen. Sobald bestimmte Steine der Stolpersteintour gescannt werden, bekommen die Betrachter/innen in ihrem Smartphone Bilder und einen Schaltfläche angezeigt, mit der sie einem Audiobeitrag zum jeweiligen Stolperstein abrufen können.

Stolpersteine-Tour, 1. Tag

Am ersten Tag des Projekts entwickeln die Schüler/innen gemeinsam mit ihrer Lehrerin Frau Kleinschnitger konkrete Fragestellungen zu der jeweiligen Person, die sie vorstellen wollen. Zum Beispiel: Wie war die Kindheit in Ludwigshafen? Welches Ansehen hatte eine Person aufgrund ihres Gewerbes? Wie sah das Engagement für Andere aus?

Bei einer Tour in der Stadt muss die Wissensvermittlung kompakt sein. Die Hemmschwelle, an einem Stolperstein zu verweilen und sich Informationen anzuhören, ist recht hoch. Daher ist die Zielsetzung, die Audiobeiträge in einem kompakten Format zu halten und sich jeweils auf einen Aspekt aus den Leben der Opfer zu konzentrieren.

Ein Problem bei der Recherche stellt die oft spärlichen Quellen dar. Zwar gibt es Dank des großen Engagements des Arbeitskreises “Ludwigshafen setzt Stolpersteine” zu einigen Personen bereits umfangreiches Material wie Briefe, Bilder und Akten. Bei anderen gibt es wiederum nur wenige erhaltene Zeugnisse ihrer Existenz. Unterstützung bekommen die Schüler im Ludwigshafener Stadtarchiv: Nicht nur Dr. Stefan Mörz öffnet bereitwillig die Ordner und Aktenschränke seines Archivs, auch vier weitere Experten und Expertinnen, die zum Teil einige Opfer des NS-Terros persönlich kannten, stellen sich für Interviews zur Verfügung. Die Recherche im Archiv und die Interviews erweisen sich zwar als kräftezehrend, sind dafür aber sehr gewinnbringend.

Stolpersteine-Tour, 2. Tag

Am zweiten Tag des Projekts schreiben die Teilnehmer/innen ihre Textvorlagen, anhand recherchierten Fakten. Was leicht klingt, ist in Wahrheit alles andere als leicht: Es muss knapp und trotzdem gehaltvoll, unterhaltend aber nicht salopp sein.

Für den Schreibprozess, ist die Unterstützung der Expertin Birgit Baltes – Journalistin beim SWR2 - eine große Hilfe. Trotz ihrer Frühschicht im Mannheimer Studio, nimmt sich die Radiofrau Zeit, um die Schüler und Schülerinnen bei ihren Textentwürfen zu beraten.  Es entstehen unterschiedlichste Formen: Innere Monologe, Texte in Briefform, Dialoge. Aber nicht nur die Form ist relevant, sondern auch die Grundintention des Textes muss berücksichtigt werden: Aus welcher Perspektive und in welcher Haltung wird die Geschichte erzählt? Wütend? Traurig? Verletzt?

Die intensive Arbeit ist eine echte Herausforderung für die Teilnehmer. Doch mit großem Eifer und Zuversicht schaffen sie es, ihre Texte interessant und professionell zu gestalten.

Zum Schluss des Tages erhalten die Teilnehmer noch eine Einführung in das Freeware-Audioprogramm ,,Audacity“, mit dem am nächsten Tag die aufgenommenen Texte geschnitten und zusammengesetzt werden sollen.

Erschöpft aber mit einem großem Erfolgsgefühl beenden die Teilnehmer den zweiten Projekttag.

Stolpersteine-Tour, 3. Tag

Am dritten Projekttag stehen die Tonaufnahmen im Studio im Mittelpunkt. Vorab müssen die Texte fertigstellt und vor der Aufnahme geprobt werden.

Nach einer kurzen Besprechung werden die Sprechrollen vergeben und die Teilnehmer beginnen, die Texte wieder und wieder  laut zu lesen. Wie sollen die Texte betont werden? Welche emotionale Einfärbungen, Tempo, Pausen soll es geben? Keine leichte Aufgabe! Aber nicht nur die “Professionalität” beim Sprechen stellt eine Herausforderung dar. Beim Vorlesen merken die Schüler/innen, das ihre Texte zu lang sind. Die Beiträge sollen einen Wortanteil von maximal  1 Minuten und 30 Sekunden  haben. Es ist schwierig alle Informationen und guten Ideen in das kurze Format zu packen. Immer wieder müssen die Teilnehmer ihre Texte umschreiben und kürzen. Erst nach einer langen Übungszeit traut sich die erste Gruppe in das Tonstudio. Die Arbeit in der engen und stickigen Sprecherkabine ist schwieriger als erwartet. Immer wieder müssen Sätze wiederholt werden. Zum Teil wird Wort für Wort gearbeitet. Nicht nur auf die richtige Artikulation kommt es an, auch der Sprachrhythmus und Betonung sind wichtig, um die gewünschten Gefühle und Stimmungen transportieren zu können. Mit der Zeit bekommen die Sprecher/innen aber Routine und die Aufnahmen laufen immer besser und schneller.

Nach den Tonaufnahmen bearbeiten die Teilnehmer die aufgenommenen Rohdaten eigenständig  in “Audacity”, und schneiden  ihre Beiträge grob zusammen.

Auch die Test-App für die AR-Einbettung der Audiobeiträge läuft mittlerweile dank der Informatik-Kenntnisse eines Teilnehmers. Der gelernter Anwendungsentwickler verfügt über das notwendige Fachwissen, um aus den Einzelteilen der Codefragmente, ein Ganzes zu machen. Am nächsten Tag kann die App und der erste Beitrag, bei einer kleinen Präsentation im Pfalz-Kolleg vorgestellt werden.