Die Schüler des Pfalz-Kollegs wollen mit ihrer App die Menschen bewegen

Welche Schicksale verbergen sich hinter den messingfarbenen Stolpersteinen, die in Ludwigshafen an vielen Orten zu finden sind? Diesen Fragen stellte sich eine Schülergruppe aus Speyer. Im Rahmen ihrer Projekttage am Pfalz-Kolleg erarbeiteten die jungen Erwachsenen in Kooperation mit medien+bildung.com einen Audioguide zu sechs ausgewählten Stolpersteinen. Ziel ist eine eigene App, um die Menschen für die Schicksale der Opfer in  Ludwigshafen zu sensibilisieren und sie mit ihren Geschichten zu bewegen.  

Die Türen zum Ludwigshafener Stadtarchiv in der Rottstraße 17 stehen offen. Graue Aktenschränke gefüllt mit Ordnern und Registern reihen sich dicht aneinander: Nüchterne Zahlen und Fakten über das Leben und Sterben der Menschen in Ludwigshafen. Gleichzeitig gewähren aber auch Bilder und Texte einen unverhofften Einblick in die Vergangenheit der Bewohner dieser noch jungen Stadt. Der Leiter des Archivs, Dr. Stefan Mörz, unterstützte die Schülergruppe aus Speyer bei der Nutzung und Recherche im Archiv. Gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin Monika Kleinschnitger wollen sie mehr über das Schicksal von sechs Ludwigshafener Verfolgten erfahren, die in der Zeit des NS-Terrorregimes ihre Heimat verlassen und in einigen Fällen durch die Todesmaschinerie der Nazis ermordet wurden. Wann entscheidet sich ein Mensch zu fliehen? Warum stoßen Nachbarn, Geschäftspartner und Klassenkameraden ihre früheren Freunde und Nachbarn aus der Gesellschaft aus und liefern sie einem schrecklichen Schicksal aus?

Die Ergebnisse ihrer Recherchen schreiben die Schüler und Schülerinnen in berührenden Geschichten nieder und vertonen diese im Studio des Offenen Kanals Ludwigshafen. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von Birgit Baltes, einer Radio-Redakteurin des SWR. Sie berät die Gruppe bei den Texten und zeigt, worauf es bei einem guten Audiobeitrag ankommt. Hilfe bei der technischen Umsetzung bekommt die Gruppe von Steffen Griesinger. Er ist Medienpädagoge bei medien+bildung.com und leitet das Projekt LUView, in dem er gemeinsam mit dem Wilhelm-Hack-Museum interaktive Stadtführungen zu unterschiedlichen Themen erstellt. Auch die Stolpersteinetour wird im Rahmen von LUView veröffentlicht.  

Die kurzen Audiobeiträge der Schüler berichten aus unterschiedlichen Erzählperspektiven über das Leben der Opfer. Mal in der Form eines fiktiven Interviews, mal als eine Art innerer Monolog oder aber als kurze Hörspielszene. Alle Geschichten beleuchten das Leben der NS-Opfer in Ludwigshafen. Sie erzählen von ihrer Kindheit und Schulzeit oder berichten über deren Alltag und Arbeitsleben in der Pfälzer Industriemetropole. Die Audiobeiträge der Schüler und Schülerinnen können im Internet, über eine eigene Stadtkarte auf www.luview.de abgerufen werden.  

Der nächste Schritt ist schon in Planung: Die Menschen sollen sich in Bewegung setzen und die Route der sechs Stolpersteine Adressen ablaufen. Mit dem Smartphone kann dann die Innenstadt erkundet und die Beiträge zu den einzelnen Stolpersteinen direkt vor Ort abgerufen werden. Dazu programmieren die Kollegschüler eine eigene Smartphone-App. Das Besondere: Die Stolpersteine werden mit der App “gescannt”, Hinweisschilder oder die oft als störend empfundenen QR-Codes werden nicht benötigt. Sobald der Stolperstein erkannt wird, können die Audiobeiträge angehört und weitere Bild- und Textinformationen auf dem Smartphone angezeigt werden. Für ihr Vorhaben bekommen die Schüler jetzt sogar eine Projektförderung von Think Big, einer Initiative der Telekommunikationsfirma O2, mit der gute Ideen von jungen Menschen gefördert werden. “Wir werden gemeinsam mit einer Grafikerin ein  professionelles Design für unsere App entwickeln”, sagt Aytin Can, die zusammen mit einer Mitschülerin den Antrag gestellt hat. Ihre Mühen haben sich gelohnt! 1000 € Projektförderung bekommt das junge Entwicklerteam. Damit werden nicht nur die Honorare für den Grafikworkshop gezahlt, sondern auch laufende Kosten für den Server und die Website. Die Schüler freuen sich, dass es weiter gehen kann, denn schließlich wollen sie etwas bewegen. 

Wie die Stolpersteine-Tour entstand ...