Tagungsbericht: Scripted Reality in der medienpädagogischen Arbeit

Sieht aus wie dokumentierte Realität, ist aber nach Drehbuch verfilmt: Das Genre „Scripted Reality“ füllt seit rund einem Dutzend Jahren zunehmend die Programme der Fernsehsender und hat zu einer moralischen Debatte in der Öffentlichkeit geführt. Am 25. Februar 2014 trafen sich Medienpädagogen/innen und –wissenschaftler/innen in Ludwigshafen zur Fachtagung „Scripted Reality in der medienpädagogischen Arbeit“ und diskutierten pädagogische Handlungsbedarfe und Handlungskonzepte zum Thema.

Scripted-Reality-Formate wie „Familien im Brennpunkt“, „X-Diaries“ oder „Berlin Tag & Nacht“ stehen in der Diskussion, weil sie den Unterschied zwischen dokumentierter Realität und inszenierter Fiktion verwischen. Viele jugendliche Zuschauer/innen verunsichert das. Die Vermittlung des Unterschiedes zwischen Realität und Fiktion ist aber eine klare Aufgabe der – vor allem schulischen – Medienpädagogik, darin stimmten die fachkundigen Podiumsteilnehmer/innen der Tagung „Scripted Reality in der medienpädagogischen Arbeit“ in Ludwigshafen überein. Ab der sechsten Klasse sollte damit begonnen werden, den Charakter der Schein-Dokus zu entschleiern – mit Hilfe von Sendeausschnitten, von Making-Of-Materialien der Produktionsfirmen und durch medienpraktische Vermittlung. Wichtig sei es, Lehrer/innen dafür zu qualifizieren und möglichst auch Eltern zu informieren.

Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), hatte die Tagung mit dem Vortrag „Faszination und Bedeutung von Scripted Reality - Warum Pre-Teens und Jugendliche sich für Formate begeistern, die aussehen wie schlechte Dokumentationen es aber nicht sind“ eröffnet. Fast alle 13- bis 18-jährigen sind mit Scripted-Reality-Formaten vertraut. Die Sendungen greifen Themen aus der jugendlichen Lebenswelt  auf, liefern einfache Erklärungen und Problemlösungen. Mit dem Stilmittel der Übertreibung ermöglichen sie andererseits den jungen Zuschauer/innen, sich zu distanzieren und „abzulachen“. Ein Risiko liegt im Abbild der Wirklichkeit: Menschen und die Milieus, in denen sie leben, aber auch ihre Problemlagen und die Themen Sexualität und Beziehung werden verzerrt dargestellt. In der Broschürenreihe tv.profiler hat die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) bereits 2012 eine Unterrichtseinheit zu Scripted Reality veröffentlicht. Als Vorher-Nachher-Effekt dieses Moduls wurde festgestellt, dass die meisten Schüler/innen lernen konnten, Scripted Reality zu erkennen.

Das Lernangebot „Faszination Medien“ (FAME) der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und der Bundeszentrale für politische Bildung soll einen Beitrag dazu leisten, Jugendliche und Lehrer/innen bei einem kompetenten und reflektiert-verantwortlichen Umgang mit den neuen Medien und deren Inhalten zu unterstützen. Leopold Grün, Filmemacher und Medienpädagoge, präsentierte die gleichnamige DVD-ROM, die mit reichhaltigem Originalmaterial einen Blick „hinter die Kulissen“ erlaubt und Aufschluss gibt über die Entwicklung von medialen Funktionsweisen, Gestaltungsmitteln und Wirkungsweisen und das heutige Mediensystem mit seinen Möglichkeiten und Grenzen beleuchtet. Im Mai 2014 wird die DVD „Faszination Medien“ veröffentlicht.

Einen Scripted-Reality-Schülerworkshop für die Mittelstufe stellte Constantin Schnell vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg vor. Mittels Rollenspielen werden sowohl die Pre-Production als auch die Produktion von Reality-TV bearbeitet: Drehbuchschreiben, Casting, Auswahl der Locations werden an Hand von Vorlagen durchgespielt; die Möglichkeiten des Filmschnitts, des Off-Tons und des Musikeinsatzes erprobt. Der 3- bis 4-stündige Workshop wird von medienpädagogischen Referenten/innen durchgeführt – Lehrer/innen können teilnehmen, sich aber auch die Kenntnisse erwerben, um das Modul eigenständig durchzuführen.

Karen Schönherr, Medienpädagogin von medien+bildung.com – die medienpädagogische Tochtergesellschaft hatte gemeinsam mit der Landeszentrale für Medien und Kommunikation zu der Tagung eingeladen – entwickelt unter dem Titel „Echt oder Fake?“ ein Konzept für bis zu 5 Projekttage mit Schüler/innen von 6. bis 10. Klassen. Darin steht ausgiebig Zeit zur Reflexion der eigenen Mediennutzung zur Verfügung, zur Analyse der gängigen TV-Formate, aber auch zur eigenen Produktion – von der Storyentwicklung und Drehplanung bis  zum eigenen Dreh und Schnitt. Karen Schönherr zeigt sich überzeugt, dass die ausführliche und nachvollziehende Beschäftigung mit der Produktionslogik von Scripted Reality nachhaltig dazu führt, dass Schüler/innen analytische Kenntnisse entwickeln.

Dr. Thomas Voß, Bereichsleiter Programm und Medienkompetenz der Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein (MA HSH), hatte mit „Schein & Sein. Inszenierte Wirklichkeit in Reality-TV und Web 2.0“ eine Handreichung für den Unterricht in der Sekundarstufe im Gepäck. "Schein & Sein" besteht aus sieben Modulen, inhaltliche Schwerpunkte sind die Faszination und Hintergründe von Reality-TV, Casting-Shows, Scripted Reality und Gerichtsshows. Die Handreichung enthält Arbeitsblätter, Kopiervorlagen sowie eine DVD unter anderem mit Sendungsmitschnitten und wird durch ein Online-Profilspiel ergänzt. Dr. Voß liegt daran, möglichst viele Schulklassen zu erreichen; jedes Modul von  „Schein & Sein“ ist eigenständig durchführbar.

Die öffentliche Diskussion um die Verwischung der Differenz von Dokumentarischem und Inszeniertem im Genre der Scripted Reality wird von den Akteuren der Medienbildung – von den Landesmedienanstalten über Landesmedienzentren bis zur Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen – als Herausforderung aufgegriffen. Dr. Meike Isenberg von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen wies auf den Kontakt zu den Sendern und ihren Jugendschutzbeauftragten hin, der auch für die medienpädagogische Bearbeitung von Scripted Reality von Bedeutung ist. In den vergangenen Jahren ist ein vielfältiges Angebot an Materialien und Handlungskonzepten entstanden; in der Regel für Pädagogen/innen und interessierte TV-Zuschauer/innen problemlos online abrufbar. Das abschließende Podium der Fachtagung „Scripted Reality in der medienpädagogischen Arbeit“ komplettierte mit Jana Weber eine Ludwigshafener Gesamtschullehrerin und Jugendmedienschutzberaterin. Sie bestätigte die Dringlichkeit, das Thema in den Unterricht zu integrieren. Die vorhandenen Materialien kommen nach ihrer Einschätzung zu langsam in den Schulen an; sie wünscht sich mehr Verbindlichkeit und eine stärkere Einbeziehung der Eltern.