Apfel gegen Ritterburg

Das Stadtwiki-Projekt Ludwikishafen ist ein „Omnibus“: Nicht nur unterschiedlichste Medientechniken, sondern auch verschiedenste kreative, kommunikative und soziale Lernziele finden darin Platz.

Stefan Mayr hat sein Repertoire  geplündert und aus vielen Übungen, Methoden sein Programm gezimmert: Zusammen mit der Klassenlehrerin Melanie Jährling will er das Projekt „Ludwikishafen“, das im Rahmen des Programms STÄRKEN vor Ort an 7 Ludwigshafener Schulen in Arbeitsgruppen durchgeführt wird, erstmals mit einer ganzen Hauptschulklasse umsetzen. Es geht darum, dass die Schüler mehr über ihr direktes Lebensumfeld erfahren, indem sie verschiedene Medienprodukte erstellen, die im Internet veröffentlicht werden.

Doch zunächst sollen die 20 Schüler und Schülerinnen der Wittelsbach-Hauptschule im Stadtteil Süd etwas über sich selbst preisgeben. Stefan Mayr und die Praktikantin Hannah Blank, die beide von dem Ludwigshafener Unternehmen medien+bildung.com gGmbH kommen, haben dazu den Fragebogen „That’s me“ entwickelt. Jeder beantwortet die Fragen für sich, dann werden Fotos gemacht – Porträts und Kleingruppen – danach kombinieren die Schüler Fotos und Texte in 4 Powerpoint-Präsentationen.  Aller Anfang ist schwer; nicht alle wollen fotografiert werden, und die Arbeit in Kleingruppen muss erst trainiert sein. Die Wittelsbachschule liegt an der Grenze zwischen einem Migrantenviertel und dem gutbürgerlichen „Musikerviertel“; in der Klasse gibt es genau ein Mädchen und einen Jungen mit „deutsch klingenden“ Namen. Die Familien der anderen sind türkischen, kurdischen, arabischen Ursprungs. Ein Mädchen kam erst kürzlich in die Klasse; sie spricht praktisch kein Deutsch und wird von arabisch sprechenden Mitschülerinnen betreut. Die Kleingruppen bilden die Klassenstruktur ab: Streng nach Geschlechtern getrennt, hat jede Gruppe ihren Anführer bzw. ihre Anführerin und jeweils eine stille Randfigur. Eine Herausforderung des Projekts wird es sein, die Lauten zu bremsen und die Stillen aus der Reserve zu locken. Übersetzt in die Arbeitsteilung einer Video- oder Radiogruppe heißt das: Jedes Gruppenmitglied steht einmal vorne, als Reporter/in mit dem Mikrofon in der Hand, und ein anderes Mal im Hintergrund, als Kameramann/frau, Tontechniker/in, Fotograf/in oder Assistent/in.

Doch zunächst gilt es, ein Frusterlebnis zu bewältigen: Die Schüler hatten ihre Themen für das Internet-Stadtlexikon Ludwikishafen selbst gewählt; der „Berliner Platz“ stand ganz oben auf der Liste. Die zentrale Straßenbahn- und Bushaltestelle ist auch der bevorzugte Jugendtreffpunkt und überdies für gewalttätige Vorfälle und „Abziehen“ notorisch. Von ihrer ersten Interview-Tour kommen die „Wiki-Reporter“ jedoch mit leeren Händen zurück. Obwohl sie die Passanten äußerst höflich darum gebeten hatten, ihre vorbereiteten Fragen zu beantworten, erklärte sich kein Einziger dazu bereit. Erfolgreicher war die Gruppe, die zu einem ganz anderen Ziel aufgebrochen war: In Ludwigshafens Wilhelm-Hack-Museum war noch niemand der Schüler vorher gewesen. Das Interview  mit der Kuratorin Theresia Kiefer und die kleine Führung durch die aktuelle Surrealismus-Ausstellung begeisterten alle Teilnehmer und ließen sie auch die Verlegenheit überwinden, dass ein (muslimischer) Junge und ein (muslimisches) Mädchen gemeinsam vor der Kamera agieren sollten.

Eine sichere Bank war das Video-Interview mit der Hauptschulrektorin Frau Linsmayer-Keller, das demnächst den Wiki-Beitrag über die Schule illustrieren wird. Das Klima in der Schule ist gut; die Schülerinnen und Schüler wollen an manchen Tagen gar nicht nach Hause, meint die Klassenlehrerin. Im Projekt hat die Klasse ihre Motivation und ihr Sozialverhalten zusätzlich gesteigert. Ludwikishafen, zunächst im Rahmen des  Deutschunterrichts gestartet, mündet in kürzester Zeit in drei komplette Projekttage. Der Jugend- und Heimerzieher Stefan Mayr, der sich in seinem Anerkennungsjahr auch als Medienpädagoge profiliert hat, wird dabei von Melanie Jährling, Hannah Blank und Friederike Fiehler unterstützt – letztere verbringt ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur bei medien+bildung.com.  Die drei Tage bieten die ideale Gelegenheit zum Einstieg in diverse Medienfertigkeiten: Foto, Audio, Video, Wiki – aber auch sozial-kommunikative  „Skills“ werden trainiert: „Appel’n’Ei“ heißt die moderne Version von „Hans im Glück“. Mit einem Apfel und einem Ei ziehen die Kleingruppen in die Stadt und müssen Passanten finden, bei denen sie dafür etwas eintauschen können. Die Schüler beweisen hier, dass es für sie kein Problem darstellt, auf Menschen zuzugehen. Die Tauschgeschäfte klappen einwandfrei und bescheren den Gruppen kleinere und größere Glücksgefühle: Für die Jungs, die mitten im Weihnachtsgeschäft vom Drogeriemarkt-Geschäftsführer eine komplette Playmobil-Dekorations-Burg für ihren Apfel bekommen, ist „Appel’n’Ei“ das Größte überhaupt.

Auch für die Schule ist die Zeit der „Geschenke“ angebrochen: Nachdem die Schulleitung mit ihrer Bewerbung beim Bildungsministerium erfolgreich war, wird kurz vor Weihnachten ein Laptopwagen mit einem Klassensatz mobiler Computer und ein Smartboard geliefert. Zum Schulbeginn nach den Winterferien wird die Klasse von Frau Jährling ideale Bedingungen vorfinden, um die medialen Produkte der Projekttage und der Folgezeit selbstständig unter www.ludwikishafen.de zu veröffentlichen. Die nächsten Reportageziele stehen auch fest; die evangelische Jugendkirche und das Theater im Pfalzbau gehören dazu. Und bei trockenem Wetter lockt eine GPS-gestützte Schatz-Tour („Geocaching“) rund ums nahe gelegene Südweststadion. Im übertragenen Sinne ist das ganze Projekt eine Schatzsuche: Die Schülerinnen und Schüler der Wittelsbach-Hauptschule füllen ihren persönlichen Stadtplan mit vielen kleinen Schatzfunden an Stellen, an denen sie bisher nie gesucht hatten, und sie füllen ihr Portfolio mit vielen kleinen medientechnischen, gestalterischen und sozialen Fertigkeiten, die ihnen auf ihrem Weg in die deutsche Erwachsenengesellschaft von Vorteil sein werden.