Über den Zusammenhang von Medien, Jugendalter und Entwicklungsaufgaben

Oder: Wie hängt die Mediennutzung Jugendlicher mit deren Entwicklungsaufgaben zusammen?

von Stefanie Maaß und Norbert Neumann

In der heutigen Zeit weisen (Bildungs-)Biografien häufig bereits in der Jugendphase Brüche auf. Heterogene Lebensläufe und –formen, berufliche wie private Unsicherheiten, steigende gesellschaftliche und wirtschaftliche Anforderungen hinsichtlich personaler, sozialer und fachlicher Kompetenzen kennzeichnen die Jugendphase.

Die Ursachen hierfür liegen u. a. im Verlust traditionell sicherer Orientierungsmuster (z. B. durch feste Familienstrukturen, einheitliche gesellschaftliche Normen und Werte, Kirche usw.), in zunehmenden Globalisierungs- und Internationalisierungsprozessen und in der Etablierung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (die sog. Neuen Medien). Damit einher geht auf der einen Seite eine eminente Chancenvielfalt für die individuelle Lebensplanung; auf der anderen Seite jedoch auch eine wachsende Unsicherheit und vor allem der Zwang, sich mit eintretenden Widersprüchen (hinsichtlich der zahlreichen Wahlmöglichkeiten) zu arrangieren und diese auszubalancieren. 

Vor diesem Hintergrund kann die Identitätssuche Jugendlicher nicht mehr als relativ erfolgreicher und gesicherter Prozess betrachtet werden. Vielmehr stehen Jugendliche vor der Herausforderung, unterschiedliche Handlungsoptionen durchzuspielen, sich selbst zu entwerfen, verschiedene Identitätsmöglichkeiten auszuprobieren, sich selbst in Szene zu setzen sowie ihre Möglichkeiten und Grenzen im Hinblick auf die Identitätsentwicklung auszutesten.

Die Jugendphase wird demnach auch als Zeitspanne des Experimentierens und suchenden Erfahrungssammelns bezeichnet, wobei auch Normverstöße, Rebellion, vorübergehende Neigungen und psychische Destabilisierung eingeschlossen werden müssen. 

Verstärkt sind heute die Medien – im weiten Sinne – am Entwicklungs-, Sozialisierungs- und Lernprozess Jugendlicher beteiligt. Fernsehen, Musik, das Internet in all seinen Variationen, Handy, Computerspiele usw. gehören zum festen Bestandteil jugendlichen Alltags. Es lässt sich beobachten, dass insbesondere Jugendliche die Medien nutzen, um sich 
a) selbst zu thematisieren – z. B. in Daily Soaps wie GZSZ, in Musik wie HipHop, Techno
b) selbst in Szene zu setzen – z. B. in Social-Networks wie Wer-kennt-wen, YouTube,
c) „sich von der Masse abzuheben und abzugrenzen“ – z.B. über das Handy (besonderer Klingelton) oder über Rankings in TV-Shows (DSDS) und Internet-Portalen,
d) eigene Netzwerke aufzubauen, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen– z.B. über das Handy (SMS-Kontakte, (selbst erstellte) Filme/Fotos zeigen und verwalten, gemeinsam Musik hören).

Auch wenn nicht von der Jugend gesprochen werden kann und sich – wie oben ausgeführt – heutige Biografien nicht vereinheitlichen lassen, müssen Jugendliche heute – aus Sicht von Entwicklungspsychologen - eine Vielzahl von sogenannten Entwicklungsaufgaben bearbeiten. 
In Anlehnung an wissenschaftliche Forschungsarbeiten werden darunter Aufgaben gefasst, die sich im individuellen Lebenslauf zwingend stellen und von den Jugendlichen selbst gelöst werden müssen. Dementsprechend sind Entwicklungsaufgaben Lernaufgaben, d.h., Entwicklung ist in diesem Sinne ein Lernprozess zum Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen, die zur Lebensbewältigung in der Gesellschaft notwendig sind.

Exemplarisch werden folgende Entwicklungsaufgaben für die Jugendphase hier aufgeführt:
• Vertrauensvolle Beziehungen zu Altersgenossen (Peers) beiderlei Geschlechts aufbauen und erhalten sowie eine enge Beziehung zu einem/r Freund/in aufnehmen
• Veränderungen des Körpers und des eigenen Aussehens (Pubertät) akzeptieren
• Übernahme der jeweiligen Geschlechtsidentität
• Ablösung vom Elternhaus / emotionale Unabhängigkeit von den Eltern (Selbstbestimmung, Autonomie)
• Sich über die berufliche Entwicklung Gedanken machen (Zukunftsbezug)
• Aufbau eines Wertesystems und eines ethischen Bewusstseins als Richtschnur für das eigene Handeln sowie die Gewinnung sozial verantwortlichen Handelns
• Sich selbst kennen lernen bzw. Klarheit über sich selbst gewinnen.
Zentrale Aufgabe im Jugendalter ist die Suche nach Identität. Hierfür nutzen Jugendliche unter anderem die Medien, und dies nicht im schlichten Sinne einer Identifikation, wohl aber als Material, mit dem man sich und seine Aufgaben, insbesondere die Suche nach Identität, thematisieren und bearbeiten kann.
Aus den genannten Entwicklungsaufgaben lassen sich unseres Erachtens mögliche Verknüpfungen zwischen den medialen Vorlieben Jugendlicher und diesen Entwicklungsaufgaben exemplarisch skizzieren:
• Körperbewusstsein: Schönheit, Gesundheit, Hautprobleme, Streben nach Schönheitsidealen u. a. bedingt durch die Massenmedien – Germany’s next Topmodel (junge Frauen streben ggf. nach Idolen aus der Modelwelt, junge Männer ggf. nach Sportlern), Körperwahrnehmung: Eigenbild / Fremdbild. Aber auch: Wie will ich mich auf wer-kennt-wen und anderen social communities darstellen?
• Geschlechtsrolle: Mädchengruppen / Jungengruppen; Eifersucht, Familienplanung, Rivalität, Einsamkeit, Verliebt sein (Daily Soaps – Gute Zeiten, schlechte Zeiten; Verbotene Liebe)
• Unabhängigkeit von Eltern und Erwachsenen: Rebellion, Beschimpfungen, Machtkämpfe (Daily Soaps, Musik)
• Sensibilisierung für Normen und Werte: moralische Werte, politische Interessen und Neigungen thematisieren, soziale Normen (u.a. Daily Talks; Court Shows wie Familiengericht etc., Musik)
• Technisches Können im Sinne von Handlungsmächtigkeit im Alltag unter Beweis stellen: Umgang mit Handy, Internet, MP3-Player, Computer-/Konsolenspielen
• Zukunftsbezug: berufliche Perspektiven, Kreativität (Casting Shows, DSDS)
• Grenzthemen: Pornografie in Medien (Handy), Gewalt, Schulverweigerung, Drogen
• . . . 

Dargestellt haben wir nur einen sehr schmalen Ausschnitt aus den möglichen und tatsächlichen Bezügen zwischen der Mediennutzung Jugendlicher und ihren Entwicklungsaufgaben und ihrer Identitätssuche. Die genannten Beispiele sollen 
• zum Weiterdenken anregen, 
• vor allem aber auch verdeutlichen, dass zwar auf den ersten Blick der Inhalt der Medien oft äußerst trivial ist, dass aber das Motiv, mit dem Jugendliche Medien nutzen, oft bedeutsame lebensthematische Bezüge enthält.
Wenn es im Unterricht gelingt, solche Bezüge aufzudecken und zur Sprache zu bringen, dann werden bildungswirksam Themen erschlossen, die bedeutsam sind für das Selbstverständnis und für die weitere Entwicklung von Jugendlichen.