Fachtagung „MyClip - Medienarbeit in der BVJ“ - 23. Juni 2010, Frankenthal

Sie sind „schwierige Jugendliche“, „benachteiligte Jugendliche“, oder, zurückhaltender ausgedrückt: „Jugendliche, die nicht die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, wie Andere“. Wer in einer weiterführenden Schule zu gar keinem Abschluss kommt, wird in die  Berufsbildende Schule und dort ins Berufsvorbereitungsjahr BVJ verwiesen. Für frustrierte und sozial unangepasste „Risiko-Lerner“ ist die Beschäftigung mit Medien im BVJ eine vielversprechende Methode, wieder oder überhaupt erst Tritt zu fassen. Das belegt das Projekt „MyClip“, das medien+bildung.com gGmbH seit September 2009 in 3 Berufsbildenden Schulen mit 70 Schülern durchführt. Bei der Fachtagung „MyClip - Medienarbeit in der BVJ“ am 23. Juni 2010 in Frankenthal zogen die Projektverantwortlichen zum Ende des ersten Projekt-Schuljahres Bilanz.

Schulleiter Siegfried Behrendt begrüßte in der Andreas-Albert-Berufsschule ein Fachpublikum aus Lehrkräften, Sozial- und Medienpädagogen und Vertretern des Innen- und Bildungsministeriums. Er zollte den Pädagogen Respekt, die das Berufsvorbereitungsjahr immer wieder als pädagogische Herausforderung betrachten, und bedankte sich beim MyClip-Projektteam für die engagierte Arbeit. Ausschlaggebender Grund für ihn, sich an MyClip zu beteiligen, sei die Überlegung gewesen, dass es motivationsfördernder sei, mit schwierigen, benachteiligten Jugendlichen kreativ zu arbeiten, als mit Verboten zu operieren. In der heutigen Zeit gelte: „Bildungsarbeit ist immer auch Medienarbeit“.

Dr. Stefan Weiler, Geschäftsführer der Multimediainitiative rlpinform der Landesregierung und Förderer des Projekts, betonte, dass ihn die Schilderungen des Projektleiters Sascha Hartmann nachhaltig beeindruckt haben. Das Projekt MyClip verwirkliche eine  Zielvorstellung der Multimediainitiative, Jugendliche über die Medien an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Er kündigte an, dass rlpinform auch die zweite Projektphase von MyClip im Jahr 2011 finanziell unterstützen werde.

Katja Friedrich, Geschäftsführerin des Projektträgers medien+bildung.com, erläuterte den Planungsstand. Alle drei Partnerschulen der ersten Projektphase – Berufsbildende Schulen in Ludwigshafen, Frankenthal und Bad Dürkheim – gehen auch in die zweite Phase ab Januar 2011, daneben können weitere Schulen am Projekt teilnehmen. MyClip ist auf Transfer angelegt – aus diesem Grund findet der Projektunterricht in 5 BVJ-Klassen im „Co-Teaching“-Verfahren statt, das heißt: Je ein Lehrer und der Medienpädagoge arbeiten ständig zusammen. Katja Friedrich schilderte, dass dem Projekt viele Vorgespräche mit erfahrenen Lehrern, Schulleitungen und Vertretern der Schulaufsicht vorausgegangen waren; das habe sich gelohnt. Ihr Credo: „Wir wollen, dass der Funke überspringt“ bezieht sich nicht nur auf die Schüler und Lehrer, die am Projekt teilnehmen, sondern auch auf neue Partner und Interessierte in der zweiten Projektphase.

Das Projekt MyClip wird von Forschern der Universität Koblenz-Landau begleitet. Prof. Norbert Neumann stellte die Ergebnisse der Evaluation vor. Als Hauptziel des MyClip-Konzepts formulierte er: „Jugendliche für schulische Bildungsprozesse ansprechbar zu machen und kontinuierlich im pädagogischen Prozess zu halten.“ Warum dazu Medien besonders geeignet seien, war die leitende Frage seines Vortrags. Das Berufsvorbereitungsjahr / BVJ in Rheinland-Pfalz basiert auf einem allgemeinen Bildungsauftrag, der „alle Bereiche einer gesellschaftlichen Existenz“ im Blick hat und nicht  ausschließlich die Vorbereitung auf eine mögliche Berufstätigkeit. Die  Einbindung von jugendkulturellen Medien bietet dazu ideale Voraussetzungen. Mediale Themen sind zentrale Bestandteile jugendlicher Ressourcen: Die im Projekt entstandenen Medienprodukte beweisen, dass die Jugendlichen mit hohem Gestaltungswillen und großer visueller Gestaltungskompetenz, mit Motivation und Ausdauer bei der Sache seien.

Nach Einschätzung der beteiligten Lehrer habe MyClip nicht nur einen Medienkompetenz-Gewinn bei den Schülern zur Folge, sondern darüber hinaus deutliche Lernfortschritte im sozialen und personalen Kompetenzbereich. Nicht eingeplant und daher ein überraschender Nebeneffekt sei der sprachfördernde Charakter des Projekts: Wer mit Medien produziere, müsse auch das Erzählen üben und trainiere situationsangemessene Kommunikation. MyClip hat laut Prof. Neumann bewiesen, dass jugendkulturelle Medien ein „entscheidender Schlüssel sind, Jugendliche zu erreichen“.

Die Premiere des MyClip-Projektfilms rundete den Vormittag der Fachtagung „MyClip - Medienarbeit in der BVJ“ ab, gab einen optischen Einblick in die Arbeit und präsentierte ausgewählte Videos und Slideshows aus Schülerproduktion. Der Nachmittag war drei Workshops vorbehalten, in denen die Tagungsbesucher ihre eigene Medienkompetenz in Bezug auf Video, Radio und Internet-Lernplattformen praktisch trainieren konnten.