Leitlinien des Projekts

A. Handy als neue und globale Kulturressource in der mobilen, individualisierten und vernetzten Massenkommunikation der Medien- und Wissensarchive

Aus Sorge um die Persönlichkeits- und Lernentwicklung der Kinder und Jugendlichen verbieten die meisten Schule die Nutzung des Handys im Unterricht oder auf dem Schulhof. Mobbing mit dem Handy oder Zugang zu entwicklungsbeeinträchtigenden Websites per Handy sind dafür einige der Grunde. Dies sind auch für die Schule relevante Erziehungsaufgaben. Darüber hinaus besteht die Sorge, dass die immerwährende Verfügbarkeit banaler Inhalt und banaler Kommunikation eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Lernstoffen schwierig macht. Neben dem Besteben, das allgegenwärtige Handy aus der Schule herauszuhalten, ist deshalb eine kritische Handy-Nutzung Teil der Förderung der Medienkompetenz.
Die selbstverständliche und massenhafte Nutzung der vielfältigen Handy-Funktionen und die Verbindung mit dem Internet schaffen jedoch neue pädagogische und didaktische Aufgaben und bieten neue Chancen für Lernen in der Schule. Anlass darüber nachzudenken ist die Veralltäglichung des Handys und seiner vielfältigen Funktionen. Für ältere Kinder und Jugendliche ist das Handy mit seiner Fülle von Anwendung in ihrem Alltagsleben voll angekommen. Für die jüngeren Kinder ist das Handy in der Familie eine Selbstverständlichkeit. Eine Antriebskraft für diese Entwicklung war die Umgestaltung des tragbaren Telefons zum Multimedia-Computer, der in der Erwachsenwelt, aber auch in der Berufswelt selbstverständlich und multifunktional genutzt wird. Zunehmend mehr funktioniert das Handy als mobiler Zugang zum Internet mit seinen Medien- und Wissensarchiven.
Das Handy ist heute ein miniaturisierter Multimedia-Computer, das in der individualisierten, mobilen und vernetzten Massenkommunikation den Zugang zu Internet und Medien liefert. Damit ist das Handy in die Funktion einer wesentlichen Ressource für Kultur und Gesellschaft hingewachsen. Diese Funktion als Ressource gilt es auch in der Schule zu erproben. Dafür sind zwei Zielrichtungen wichtig. Zum einen geht es um das Handy als Lernressource. Zum anderen ist das Handy eine Ressource für die Teilhabe an Gesellschaft und Kultur. Für die Schule steht bei der Teilhabe, die Teilhabe an Bildung und formellen Lernen im Vordergrund.

B. Handy als Lern-Ressource: Verbindung mit dem informellen Lernen der Schülerinnen und Schüler als Alltagsexperten

Die Individualisierung unserer Gesellschaft unterstützt neue und informellen Formen des Lernens außerhalb der Schule und außerhalb der Lehrpläne. Wie die PISA-Studien zeigen, verliert die Schule vor allem bei Jungen der Unterschicht und aus Migranten-Familien die Möglichkeiten, sie erfolgreich zum Lernen in der Schule anzuleiten, obwohl diese Schüler im Alltag mit Medien und im Rahmen von Unterhaltung sehr wohl informell lernen. Für diese Gruppe der Risiko-Lerner aber auch für schulisch erfolgreiche Kinder und Jugendlichen bietet sich das Handy als Kommunikationsbrücke zwischen informellem Alltagslernen und dem Lernen an, das der Lehrplan vorgibt. Mit Blick auf Handy und Alltagsleben öffnet sich für die Schule didaktisch die Chance, die vielfältigen Lernprozesse von Kindern und Jugendlichen zu assimilieren. Das ist ein Konzept, das auf den Psychologen Jean Piaget in den 1950er Jahren zurück geht. Piaget betonte die Entwicklungs- und Lernchancen der Assimilation, das heißt, Neues und Unbekanntes in Vertrautes hereinzunehmen. Das ist heute in der individualisierten, mobilen und vernetzten Gesellschaft eine neue Entwicklungsaufgabe für Kinder und Jugendliche. Für die Schule bedeutet das, die Schule nicht als isolierte Lernwelt von den neuen massenmedialen Trends abzukoppeln. So bietet eine assimilative Didaktik der Schule Anschlussmöglichen an informelles Lernen des Alltags. Die Leitlinie dafür ist, mit dem Handy Kommunikationsbrücken zwischen dem Lehrplan der Schule und dem informellen Alltagslernen zu schlagen. Dazu braucht es Lehrerinnen und Lehrer, die Alltagskompetenzen, gerade auch die der Risiko-Lerner, entdecken. Stichwort hierzu sind die Schülerinnen und Schüler als Experten. Im Englischen gibt es dafür das Wort der Native Experts.

C. Neue Formen des situierten Lernen in der individualisierten, mobilen und vernetzen Gesellschaft und Massenkommunikation

Schülerinnen und Schüler als Experten zu akzeptieren, legt Unterrichtsformen nahe, die weit weg gehen vom Belehren. Es ist ein Weg, den heute zunehmend mehr Schulen beschreiten. Stichworte hierzu sind Situierte Lernen, kooperativer Wissensaufbau (collaborative knowledge-building) oder Wochenplan-Unterricht. Es geht darum, Situationen anzubieten, in denen Schülerinnen und Schülern die Bedeutung von Sachverhalten und Ereignissen selber entwickeln. Lernen ist so gesehen eine Form des Herstellens von Bedeutung in Situationen. Die neue vernetzte, mobile und individualisierte Massenkommunikation bietet eine Vielzahl von Situationen, in denen Kinder und Jugendliche selber Bedeutung herstellen und die eng mit Formen des Lernens verknüpft sind. Dazu nutzen Kinder oder Jugendliche z.B. die Bild- und Video-Speicher im Handy und im Internet und schaffen sich damit ihre eigenen Kontexte. Da sieht konkret so aus, dass sie Handy-Videos, die sie in der Schule aufgenommen haben, auf Plattformen im Web 2.0 stellen und mit ihren Freunden darüber reden. Mit dem Handy können sich Schülerinnen und Schüler nicht nur Handlungs-, Lern- und Entwicklungsräume erschließen, sondern sie selber generieren. Mit Hilfe der Schule ist es möglich, diese Nutzer generierten Kontexte an die Lernaufgaben des Lehrplans anzudocken. Solche Räume und nutzergenerierten Kontexte im Alltagsleben zu entdecken und mit der Schule zu verbinden, ist eine wesentliche didaktische Aufgabe für Lehrerinnen und Lehrer. Es geht also darum, Entwicklungs- und Lernkontexte zu entdecken und an die Schule anzudocken. Dabei spielt das Handy als alltäglicher, selbstverständlicher, multimedialer Mini-Computer eine wesentliche Rolle, weil sich damit Kommunikationsbrücken (conversational threads) zu Lernsituationen in die Schule bauen lassen. Das didaktische Augenmerk sollte sich dabei auf die von den Alltagsexperten generierten Kontexte des informellen Lernens richten.

Literaturverweis
Bachmair, Ben, Cook, John, Pachler, Norbert (2008): Mobile phones as cultural resources of learning, an educational analysis of structures, mobile expertise and cultural practices. In: MedienPädagogik Feb. 2009. www.medienpaed.com
Bachmair, Ben: Medienwissen für Pädagogen. Medienbildung in riskanten Erlebniswelten. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009, Wiesbaden Piaget; 3. Teil: Kulturell situiertes Lernen, Chancen mobilen Lernens mit dem Handy. S. 197 ff.

Die Leitlinien als pdf zum Download: