Stärkencomic in der Film AG wird zur „Sedcard“

Test der Methode „Stärkencomic“ in inklusiven Medienprojekten

In unserem Pilotprojekt mobil+stark entwickeln und testen wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern Methoden, Konzepte und Apps mit und für Menschen mit Handicaps. Dabei werden wir wissenschaftlich begleitet von der AG Medienpädagogik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Es kommen mobile Geräte wie Tablets und Smartphones zum Einsatz. Wir unterstützen die Teilnehmer/innen darin, sich mit der Funktionsweise der Geräte vertraut zu machen und die für sie geeigneten Apps zu finden und zu nutzen. Dabei sind die Teilnehmer/innen selbst die Experten – sie wissen am besten, was sie brauchen und wie die Technik auf ihre Bedürfnisse hin angepasst werden sollte.

Welche Bedürfnisse und Fähigkeiten haben Schüler/innen mit dem Förderschwerpunkt Lernen aus der Klassenstufe 6 der Schloss-Schule Ludwigshafen-Oggersheim? Medienpädagogin Katja Batzler wollte testen, inwieweit die Methode „Stärkencomic“ mit der App „Comic Life“ das Stärkenbewusstsein dieser Jugendliche fördert und für die Ziele ihrer Ganztagsschul-AG hilfreich ist.

Katja Batzler leitet seit fast 10 Jahren am Nachmittag das Ganztagsschul-Angebot „Film AG“ für die Schüler/innen mit Lernschwierigkeiten. Die Jugendliche sind aus unterschiedlichen Gründen gehindert am Lernen: Vernachlässigung, körperliche und seelische Beeinträchtigung, Migrationshintergrund oder fehlende Sozialkompetenz etc ... Die Mischung ist herzhaft und immer neu, Binnendifferenzierung erste Voraussetzung für den Lernprozess mit den Förderschüler/innen. Der größte Förderbedarf liegt in der Stärkung der Konzentration, Teamfähigkeit und vor allem in der der Förderung des Selbstbewusstseins. Misserfolgsorientierung und unrealistische Selbst- und Fremdwahrnehmung stören die Motivation zu lernen und durchzuhalten. „Wir sind doch Dummschüler“ ist die erschreckende und resignierte Selbsteinschätzung, die diese Kinder ganz emotionslos von sich geben.

Dieses Schuljahr sind 10 Schüler/innen mit Begeisterung angetreten einen „Horrorfilm“ zu produzieren. Ideen und vorhandene Kenntnisse über die Machart dieses Genres sind vorhanden, doch die anstehende Videoproduktion fordert Geduld, sich zu stärken und Selbstbewusstsein im sich Ausprobieren vor und mit der Kamera. Normalerweise greift Katja Batzler in dieser Projektphase auf Kooperationsspiele und erlebnispädagogische Übungen zurück, um die Teilnehmer/innen auf die Anforderungen und den Ernstcharakter der Medienproduktion vorzubereiten. Einen Comic auf dem iPad selbst zu gestalten würde auf hohe Motivation stoßen, denn die verschiedenen Apps und das iPad an sich ist angesagter „Medienkult“ auch bei dieser Klientel, der Umgang schon geübt, denn fast alle haben – trotz finanzschwacher Lebenswelten – ein Smartphone. Der Clou für die Anwendung des Stärkencomics in der Film AG war, nicht nur einen Comic mit Bildern über die eigenen Stärken zu machen, sondern den Comic als eine Art „Sedcard“ zu „verkaufen“. Die Schüler/innen sollten in ihren Comics ihre Fähigkeiten darstellen, die sie für die Produktion des gemeinsamen Horrorfilms einbringen werden. Wer gut schauspielern kann, sollte sich in seiner Wunschrolle fotografieren und einen entsprechenden Titel finden wie „Ich spiele das Monster im Film“. Andere Kompetenzen wie „freundlich oder hilfsbereit sein“ braucht das Filmteam auch, somit wurden ganz nebenbei die persönlichen Stärken thematisiert. Schüler/innen der Klasse 6 haben noch keinen Bezug zur Berufsvorbereitung und auch in Klasse 8 ist die Jobsuche bei den wenigsten ein spannendes Thema, denn die Realität ist ernüchternd für Schüler/innen mit Förderschulabschluss und das wissen die Kinder. Trotzdem am Stärkenbewusstsein zu arbeiten brauchte den Trick, sich ihres Interesses „wir wollen einen Horrorfilm machen“ zu bedienen. Wie gelang die Durchführung im Einzelnen:

In drei Nachmittagen à zwei Zeitstunden wird den Jugendlichen von zwei Betreuern eine Lernphase am iPad angeboten, die deren Selbstbewusstsein stärkt, ihre Wahrnehmung für Bilder schärft, die Teamfähigkeit fördert und die Konzentrationsfähigkeit steigert. Schüler/innen mit Förderschwerpunkt Lernen brauchen schnelle Erfolgserlebnisse, denn ihre Frusttoleranz ist niedrig. Zudem kann eigenständiges Lernen mit Medien ihre Selbstwahrnehmung positiv beeinflussen. iPads und die App „Comic Life“ sind intuitiv zu erschließen und führen in Kleingruppen (im Verhältnis 2 bis 3 Schüler/innen pro Tablet) zu einem druckbaren und digitalen Comic Strip.

Die Themenwahl der Kinder im Medienprojekt für das Schuljahr 2013/14 war das Genre Horrorfilm. Für den Test der Methode „Stärkencomic“ wurde daraus eine „Sedcard Horrorfilm“. Die Ergebnisse sind von gleicher pädagogischer Qualität: Die Schüler/innen arbeiten inhaltlich an ihren Stärken für die Produktion ihres Horrorfilms, doch sie entwickeln ihre Selbstreflexion und ihr Selbstbewusstsein weiter. Der Einsatz der fertigen Sedcard kann zwar nicht unmittelbar im Kontext „Berufsvorbereitung/orientierung“ sein, doch die inhaltliche und medientechnische Vorbereitung kann in Folgeprojekten bzw. in der nächsten Klassenstufe aufgenommen und weiterbearbeitet werden. Das Thema kann variiert werden je nach Interesse der Teilnehmenden.

Grober methodischer Ablauf:

1.    Bildebenentanz bzw. Perspektiventricks.  Der Abstand zur Kamera bestimmt die Größe des Bildausschnitts und damit die Wirkung auf den Zuschauer. Jugendliche bekommen Requisiten und Kostüme um sich in ihre zukünftige Rolle einzufinden und üben ihre Rolle mit verschiedenen Präsentationen (in verschiedenen Einstellungsgrößen) vor der festen Kamera. Der entstehende Film kann als eine Art Trailer genommen werden. Gleichzeitig werden die Fachbegriffe für die Einstellungsgrößen eingeführt und in einem Memory wiederholt und gefestigt, um die Aufgaben für die Kameraleute zu klären. Feedbackrunde am Ende mit der Frage: Ihr braucht mich für den Horrorfilm weil…..

2.    Casting für den Horrorfilm mit einem „Stärkencomic“ mit dem Tablet erstellen. Zunächst Einführung in Umgang Tablet mit Apps „Wasser/ Vidrhythm“. Danach Demonstration eines beispielhaften Stärkencomics, um zu klären wie man seine Stärke / Fähigkeit für die gemeinsame Filmproduktion in Bildern festhalten kann. Der Comic kann dann später als eine Art „Sedcard“ verwendet werden. Erarbeitung in Kleingruppen der individuellen Stärken mit Vorauswahl passender persönlicher Fähigkeiten/Eigenschaften. Schüler/innen ergänzen. Fotografieren und Reflexion von Bildern mit dem iPad

3.    Sedcard Comic erstellen mit der App „Comic Life“. Manche Schüler/innen müssen noch Fotos nachliefern. Wiederholung des Themas Bildgestaltung mit Ratespiel „Einstellungsgrößen“ und Activity zu den Begriffen: Teamarbeit, Wir machen einen Horrorfilm, Traurigkeit, Gute Laune. Wer fertig ist hilft den Anderen oder darf spielen…..

Fazit:

Der technische Umgang mit den Tablets und der Application „Comic Life“ ist für die Förderkinder keine Barriere. Im Gegenteil, die Teilnehmenden erschließen sich sehr schnell und intuitiv das iPad und deren Apps. Sie kennen Touchscreen und Einstellungen von ihren Smartphones und ihren eigenen Tablets zuhause.
Die Bedienungshilfe „Geführter Zugriff“ erweist sich sehr sinnvoll für die Steuerung der Teilnehmenden bzw. Konzentration auf eine Aufgabe. Sie akzeptieren die „Sperrung“ ohne Murren. Der Umgang mit den iPads fördert die Konzentration und macht den Schüler/innen Spaß, sie sind hoch motiviert.
Inhaltliche Hilfe brauchen sie für die Entwicklung ihres und Auseinandersetzung mit ihrem „Stärkenbewusstsein“. Eine Auswahl von möglichen positiven Zuschreibungen auf Karten erwies sich als guter Ansatzpunkt in eigene Reflexion zu kommen.

Viele sind unsicher, möchten sich nicht fotografieren lassen. Aus diesem Grund sind einige sozialpädagogische und videotanztechnische Methoden im Ablauf enthalten, um Hemmungen abzubauen und das Vertrauen in der Gruppe zu stärken.

Innerhalb 4 Zeitstunden ist für jeden Teilnehmenden ein schöner Comic entstanden, der selbst gestaltet ist. Ein qualitativ hochwertiger Ausdruck auf Fotopapier wird Ende Januar den Eltern im Rahmen der „offenen GTS-AG“ vorgestellt.

Katja Batzler