Einfach stark – In drei Schritten zur souveränen Bewerbung

Ein Medienexperiment für Menschen mit Handicap als Auftakt des Projekts „mobil+stark“in der Mosaikschule Ludwigshafen

medien+bildung.com kooperiert schon sehr lange mit der Mosaikschule in Ludwigshafen, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt motorische Entwicklung: Videoprojekte innerhalb des Unterrichts oder Praxistage für die Schüler/innen, die Liste der gemeinsamen Aktionen ist lang. Es liegt im Interesse der Partner, die Möglichkeiten des iPads für Menschen mit Handicaps auszuloten, und so beschlossen sie, ein gemeinsames Pilotprojekt zu gestalten. Inhaltlich wurde man sich schnell darüber einig, eine berufsvorbereitende Methode zu testen, die den Teilnehmenden etwas Konkretes für ihre spätere Bewerbungsmappe in die Hand gibt. Die Entscheidung fiel auf einen Stärken-Comic mit der Software „Comic Book“ mit iPads. Eine bewährte Methode, entwickelt vom Medienpädagogen Mario Di Carlo, der sich u.a. auf Medienprojekte zur Berufsvorbereitung spezialisiert hat.

Nora Nax, die IT-interessierte Klassenleitung und Katja Batzler, Medien- und Sozialpädagogin mit langjähriger Förderschul-Erfahrung strickten gemeinsam ein Konzept für eine Projektwoche Anfang Dezember 2013. Die Schüler/innen lernten mit Medien ihre „digitale Bewerbungsmappe“ zu gestalten. Anhand eines Fotos bzw. Comics sollen die Mitwirkenden in einem späteren realen Bewerbungsgespräch besser und souveräner über ihre Stärken, Schwächen und Anforderungen an Barrierefreiheit kommunizieren können. Am ersten Tag nahmen alle am „Tablettrainingscamp“ teil und die technischen Voraussetzungen und Zugänge wurden getestet und nachjustiert. Am zweiten Tag gestalteten die Teilnehmenden ohne die Medienpädagogen ihre Fotos, die ihre Stärken darstellen. Der dritte Tag diente dazu, mit der Unterstützung von zwei Medienpädagogen die Stärken-Comics zu produzieren. Ein weiterer Tag zum Fertigstellen der Medienprodukte und zur Vorbereitung der Präsentation ließ genügend Zeit für unterschiedliche Lerntempi und Fähigkeiten. Am letzten Tag wurden alle Ergebnisse vorgestellt und ein „Stärkenfest“ veranstaltet. Eine Ausstellung mit den Fotos und das selbstgemachte Making Of einer Expertengruppe wurden den Eltern erfolgreich und unter viel Applaus präsentiert.

Von Anfang an war klar: Das Projekt hat Laborcharakter, der ein fehlerfreundliches Arbeiten ermöglicht und Freiraum für flexible Lösungen und Umsetzungen lässt. In der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen ist es günstig, genügend Frei- und Zeiträume für größtmögliche Differenzierung und eine wertschätzende Atmosphäre zu gewähren. Jede/r der 23 Teilnehmenden hat ganz besondere Bedürfnisse, braucht individuelle mediale Zugänge und erlebt unterschiedliche Barrieren, um seine bzw. ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. 18 der jungen Menschen konnten aktiv am Medienprojekt teilhaben und ihr Stärkencomic eigenständig gestalten. Auch 5 Schüler/innen mit großer körperlicher und geistiger Behinderung nahmen am Lernprozeß teil, indem sie ungewöhnlich aufmerksam und aktiv ihre Zustimmung über Lächeln oder Blinzeln deutlich machten. Das ist viel für manche Kinder, die sonst eher apathisch sind und wenig aufmerksame Phasen haben z.B. genoss ein Mädchen die übergroße Präsentation ihrer Comicbilder auf dem Whiteboard und bekam darüber ganz viel emotionale Aufwertung für sich selbst – einfach stark!

Dieses erste Projekt war sehr lehrreich und motivierend für alle Beteiligten. medien+bildung.com kann aus den gewonnenen Erfahrungen sein didaktisches Konzept ergänzen. Die Rückmeldungen der Mitwirkenden waren sehr wertvoll für die Ausarbeitung weiterer Methoden und Module in dem Projekt „mobil+stark“ – hier arbeitet medien+bildung.com mit dem Kernthema „Stärkenbewusststein in Übergangsphasen“ für und mit Menschen mit unterschiedlichen Handicaps. Die Erfahrungen fließen in eine Liste mit getesteten Apps für die individuellen Bedürfnisse der Projektteilnehmer/innen ein, die dann als „Inklusionswiki“ online veröffentlicht wird. Für die nötige Binnendifferenzierung waren die Laufzettel für die verschiedenen Lernstationen mit unterschiedlichen Apps-Tests sehr hilfreich. In Peer-to-Peer Moderationen hatten Schüler-„Experten“ dann ihren Mitschüler/innen ihre Erfahrungen präsentiert, daraus haben sich z.B. neue Tipps erschlossen. Der intuitive und motivierende Zugang der Apps auf dem iPad war erhofft, doch wie einfach und lustig die Anwendungen von den Teilnehmer/innen wahrgenommen wurden, erstaunte das Betreuerteam. Den Transfer der positiven Stimmung für das Stärken der Persönlichkeiten wurde durch tanz- und theaterpädagogische Übungen verstärkt. Das Erlebnis der „Stärkenwoche“ war so beeindruckend, dass viele Jugendliche bis zur Premiere zuhause nichts verraten wollten, denn „unser Klassenprojekt war bombig!“ Für die Mosaikschule war das Pilotprojekt im Dezember eine Bereicherung im Schulalltag und ein voller Erfolg - wie Lehrerin Nax resümiert: „In der Arbeit mit den iPads und dem Umgang mit den entsprechenden Apps zeigten ALLE Schüler/innen eine überdurchschnittlich hohe Konzentration, Ausdauer und Selbständigkeit. Einzelne Schüler/innen, die im Schulalltag sonst häufig Verhaltensauffälligkeiten zeigen, waren die ganze Woche konzentriert bei der Arbeit und zeigten durchgängig angemessenes Verhalten. Vom Zuwachs bei der Medienkompetenz besonders hervorzuheben ist die Expertengruppe "Trailer", die mit Hilfe von iMovie einen Making Of Trailer über die Projektwoche erstellte. Sie lernten im Laufe der Woche, gezielt Videoausschnitte aus selbst gedrehten Videos auszusuchen, einzufügen und in ihrer Wirkung auf das Gesamtwerk zu beurteilen.“

Die Arbeit mit Menschen mit Handicap ist Grundlage von „mobil+stark“. In der Nachbereitung und Fortführung im Unterricht wird z.B. über die Schwächen und Barrieren der Teilnehmenden kommuniziert, um auf eventuelle Rückfragen von möglichen Arbeitgebern eine souveräne Antwort geben zu können. Dieser offene Diskurs kann dann wiederum selbstständig in Form eines Comics medial gestaltet werden. Diese nachhaltige Fortführung ohne die Betreuung eines Medienpädagogen ist für Ende des Schuljahres geplant und medien+bildung.com stellt acht iPads zur Verfügung.

Katja Batzler